Darwin, die Hauptstadt von Northern Territory, ist unser Zuhause für die nächste Woche. Nach den letzten paar Tagen im heissen und trockenen Outback, freuen wir uns so richtig auf die tropische Stadt am Meer. Wir freuen uns auch, endlich die beiden Rucksäcke auszupacken und das Auto ein wenig vom Sand und Staub der Fahrt zu befreien. Zum ersten Mal merken wir, dass wir nun doch einmal eine Reisepause benötigen. Vor 10 Wochen sind wir in das Flugzeug in Zürich eingestiegen. Solange am Stück waren wir noch nie unterwegs. Wir wollen uns Zeit lassen, um die Eindrücke der letzten Tage zu verarbeiten.
Deshalb haben wir beschlossen eine Wohnung zu mieten. Eine Wohnung ist ideal um ein paar alltägliche Sachen zu erledigen. Dies dient uns als Auszeit vom Reisen. Und darauf haben wir richtig Bock :-). Wir kochen uns selber, gehen im Supermarkt einkaufen, machen die Wäsche, Pascal lässt sich den Bart bei einem Barbier stutzen, wir widmen uns dem Blog, lesen ein Buch, usw. Wir beschliessen, uns künftig mehr Zeit beim Reisen zu lassen. Es ein wenig langsamer anzugehen. Nicht mehr alle Must-Dos und Must-Sees einer Stadt, eines National Parks oder einer Region einfach abzuhaken. Sondern sich an dem zu erfreuen und das zu geniessen, was man sieht und besucht. Nicht mehr daran zu denken, was man alles verpasst. Dies fällt uns auch immer einfacher. Und wir sind uns beide einig, dass dies eine wichtige Erkenntnis und neue Erfahrung ist. Eine positive Denkweise. Etwas, das wir auch mit in die Schweiz nehmen wollen.
Natürlich nehmen wir uns in Darwin auch die Zeit, die Stadt zu
erkunden. Darwin selber ist nicht gross und weist gerade einmal rund 130‘000 Einwohner auf. Damit ist die Stadt von der Grösse her mit Cairns vergleichbar. Nichts bietet sich besser an als der
Besuch eines Wochenend-Marktes, um die Stadt kennen zu lernen. Glücklicherweise ist unser ersten Tag in Darwin ein Sonntag. Jeden Sonntag findet der Sunset Open Air Market am Mindle Beach statt. Die Einheimischen treffen sich am Strand, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Auch wir mischen uns unter die
Leute, suchen uns einen freien Platz am Strand und graben unsere Füsse in den Sand ein. Der Sonnenuntergang ist tatsächlich atemberaubend schön.
Darwin ist zudem geprägt von seiner militärischen Vergangenheit
während des zweiten Weltkriegs. Die Stadt wurde zunehmend bedeutend, als es aufgrund einer befürchteten japanischen Invasion als wichtige militärische Station Australiens diente. Am 19. Februar
1942 wurde Darwin tatsächlich von den Japanern angegriffen. Nicht nur die Gedenktafeln und Gedenkstätten in Darwin zeugen von der Geschichte, die Stadt hat dazu auch mehrere Museum eröffnet. Wir
haben das Military Museum at East Point und das Oil Tunnel Museum besucht, welche wir beide
weiterempfehlen.
Während wir gemütlich durch das Stadtzentrum spazieren, begegnen wir immer wieder Aborigines. Uns fällt auf, dass viele von ihnen den ganzen Tag über in Parks sitzen. Auch junge Aborigines. In Darwin setzen wir uns daher erstmals richtig mit der Geschichte Australiens auseinander. Wenn man die Aborigines aussen vor lässt, ist die Geschichte Australiens nicht besonders alt. James Cook nahm im 18. Jahrhundert das Land als britische Kolonie in Besitz. Der 5. Kontinent wurde von Grossbritannien als neue Strafkolonie benutzt. Somit wurde Sydney als erste britische Siedlung von verurteilten Sträflingen gegründet. Es folgten x-tausende Gefangene und daher im Laufe der Zeit im 19. Jahrhundert auch die Kolonien Tasmanien, West Australien, Südaustralien, Victoria, Queensland und Northern Territory. Schliesslich wurde in Australien Gold gefunden, was zu einem Goldrausch und deshalb zu einem Anstieg von (freiwilligen) Einwanderern führte. Die einzelnen Kolonien werden zunehmend unabgängig von Grossbritannien. Schliesslich wurde 1901 das Commonwealth of Australia gegründet. Zusammengefasst wurde das Australien, wie wir es heute kennen, zumindest zu einem grossen Teil von britischen Häftlingen errichtet.
Doch wie sieht es mit den Aborigines aus, den Ureinwohner von Australien? Die Wissenschaft kann nämlich eine Besiedelung Australiens durch indigene Völker für mehr als 50‘000 Jahre nachweisen. Eine unglaubliche Zahl. Ab dem Eintreffen der weissen Siedler wurde es kritisch für die Aborigines. In den 1920er Jahren gelten die Ureinwohner als vom Aussterben bedroht. Seien es die unzähligen Hinrichtungen von Aborigines aufgrund von Konflikten mit den weissen Siedlern im 19. Jahrhundert, die Geschichten über Massenmorde in Tasmanien oder die Atombombentests in der Wüste Südaustraliens ohne vorherige Evakuierung von Aborigines. Je tiefer wir graben und mit je mehr Australiern wir reden, umso mehr Gräueltaten kommen zum Vorschein. Das Land der Ureinwohner wurde von den britischen Siedler selbstverständlich für sich in Anspruch genommen. Im 20. Jahrhundert wurden Reservate in Anlehnung zu Amerika eingerichtet. „Weisse“ kümmerten sich eine Zeit lang um die Erziehung der Kinder der Eingeborenen, um ihnen die christlichen und westlichen Werte zu vermitteln. Schliesslich, 1949, erhalten alle Aborigines die australische Staatsbürgerschaft. Doch erst in den 1960er Jahren werden den Aborigines dieselben Bürgerrechte wie den Weissen zugesprochen.
Aber auf unserer Reise merken wir, dass Australien noch nicht die ganze Geschichte aufgearbeitet hat. Rassismus ist weiterhin ein Problem. Eine 24-jährige Studentin erklärt uns, dass die Geschichte Australiens nur ganz kurz im Geschichtsunterricht thematisiert wurde. Sie mag sich an ein oder zwei Lektionen erinnern, und darin wurde die Geschichte ab dem Eintreffen der weissen Siedler behandelt. Im Gegensatz dazu wurde die amerikanische und europäische Geschichte während mehreren Monaten behandelt. Sie engagiert sich ehrenamtlich für die Integration der Aborigines. Nicht zuletzt, da ihre Grossmutter eine Ureinwohnerin war. Dies wurde ihr bis vor einem Jahr verschwiegen. Auch die Gastgeber der AirBnB Wohnung in Atherthon in Queensland weisen uns darauf hin, dass wir nicht mit allen Australiern über dieses Thema sprechen dürfen. Viele schämen sich für die Aborigines.
Wir wollen mehr über die Aborigines erfahren und beschliessen deshalb,
Tiwi Islands zu besuchen. 90% der Bewohner der Insel haben Aborigine-Vorfahren und leben die uralten Traditionen weiter. Die Tour wird deshalb von
Aborigines durchgeführt und wir freuen uns darauf, sie persönlich kennen zu lernen. Eine Fähre bringt uns nach Bathurst Islands, die Hauptinsel von Tiwi Islands. Die Fahrt dauert 2.5 Stunden und
das Retourticket kostet uns 120 AUD, resp. 80 CHF. Nicht ganz billig, aber wir sollten es nicht bereuen. Die Fahrt ist sehr kurzweilig, da auf dem Schiff praktisch nur Aborigines sind und so
immer was läuft.
Wir nehmen an einer kulturellen Tour (Cultural Aboriginal Experience) teil, gemeinsam mit 10 weiteren Personen. Wir sind die einzigen Nicht-Australier. Und die australischen Tour-Teilnehmer sind überrascht, dass wir uns für die Aborigines interessieren und überhaupt nach Tiwi-Islands gereist sind. Vor allem, da nur die wenigsten Australier die Tiwi-Inseln besuchen. Sie finden es toll, dass wir dabei sind. Die Guides begrüssen uns mit einer traditionellen Rauch-Zeremonie. Zudem werden uns uralte Jagd-Tänze vorgetragen, die von Krokodilen, Haien und Büffeln handeln. Auf einer kurzen Wanderung wird uns erklärt, von welchen Pflanzen, Früchten und Tieren sich die Aborigines ernähren. Die Tatsache, dass der Speiseplan auch rohe Eier von Wasserschildkröten, Baumwürmer und Maden beinhaltet, lässt uns doch ein wenig zusammenzucken… Als nächstes besuchen wir das Patakijiyali Museum, das einen guten Überblick über die Geschichte und die Kultur der Tiwi-Aborigines gibt. Zudem erhalten wir eine Einführung in die Mythologie der Aborigines, der sogenannten Traumzeit (Dreamtime). Anschliessend besuchen wir eine Kunstwerkstatt, die von der blühenden Kunsthandwerkszene der Aborigines zeugt.
Als letzten Programmpunkt
besuchen wir die katholische Kirche von Tiwi Islands. Diese wurde im Rahmen einer katholischen Mission 1911 errichtet. Spannend ist die Gestaltung der Kirche, hier sieht man den Einfluss der
Aborigine-Kultur. Der Tag war schnell um und wir mussten uns gegen 3 Uhr nachmittags wieder mit der Fähre Richtung Darwin aufmachen. Obwohl wir nur für eine kurze Zeit auf Tiwi-Islands waren,
haben wir einen guten Einblick in die Tiwi-Kultur gekriegt. Viele der Aborigines, die wir auf der Tour kennen gelernt haben, waren sehr schüchtern und eher zurückhaltend. Und dies darf man
keinesfalls missinterpretierten. Unsere Guides waren sehr freundlich, offen und hatten einen tollen Humor. Wir hoffen, dass wir auf unserer weiteren Reise durch Australien noch mehr Ureinwohner
persönlich kennen lernen dürfen. Auf jeden Fall empfehlen wir diese Tour jedem weiter, der sich für das heutige Leben der Aborigines interessiert.
Im nächsten Blog liest du über unsere Erlebnisse im grössten National Park Australiens, dem Kakadu National Park. Zudem nehmen wir an einer Tagestour durch das Arnhem Land teil, wo die Kultur der Ureinwohner noch sehr lebendig ist. Hier werden wir mehr über die Geschichte und das heutige Leben der Aborigines erfahren.


































